Die Geburt des Rendez-Vous Musical

Der Herbst 1986 markierte meine Rückkehr nach Québec nach einem erfolgreichen Studienjahr in Wien. Ich schloss mich dem Symphonieorchester von Québec als Solo-Bratscher an und kehrte auf der gleichen Position zu den „Violons du Roy“ (VduR) zurück. Die VduR gewannen zunehmend an Bedeutung, und bald drängte sich das Bedürfnis auf, aus dieser kleinen Gruppe heraus ein Streichquartett zu gründen. Das Niveau der Gruppe zu heben, erforderte einen besseren Zusammenhalt ihrer Hauptmitglieder. Das Erlernen des Quartettrepertoires ist ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung von Streichern. Außerdem eröffneten sich uns mit einem Streichquartett als Kern unendlich viele Kombinationen, um unser Repertoire noch weiter auszubauen.

Sehr früh (1987) suchten wir nach Möglichkeiten, unser Bedürfnis zu stillen, tiefer in die schwierige Kunst des Quartettspiels einzutauchen. Also wandte ich mich an einen Meisterpädagogen in der Person von Hatto Beyerle, dem Gründungsbratscher des Alban Berg Quartetts. Da ich nach meinem Studium in seiner Klasse in Wien ein hervorragendes Verhältnis zu ihm aufrechterhalten hatte, schlug ich ihm vor, einige Wochen in Québec zu verbringen. Auf dem Programm standen Quartett-Coaching und das Einstudieren von Brahms‘ Streichquintett mit zwei Bratschen (Op. 111, Nr. 2). Als Krönung gab es zwei Konzerte: in der ProMusica-Reihe in Montréal und in der Reihe der VduR in Québec. Um Hattos Anreise mitzufinanzieren, schlug ich vor, auf dem Gelände der Domaine Forget einen Meisterkurs für Quartette aus Québec abzuhalten. François Bernier taufte dieses Treffen: „Das Osterfest der Quartette“ (La Pâques des quatuors). Letztendlich schlossen sich uns fünf Quartette für einen viertägigen Mini-Workshop an. Radio-Canada zeichnete die Arbeitssitzungen und das Abschlusskonzert auf.

In diesen drei Wochen machte unser Quartett dank dieser Begegnungen mehr Fortschritte als in einem ganzen Jahr. Eine Erkenntnis drängte sich auf: Wir müssen uns mit anderen Musikern aus unterschiedlichen Bereichen austauschen, die bereit sind, ihre Liebe zur Kammermusik mit uns zu teilen. Daraus entstand die Idee, ein Festival ins Leben zu rufen, das Musiker um ihr gemeinsames Ideal vereint: die Freude daran, die Leidenschaft für das Kammermusikrepertoire zu teilen. Die Idee des „Rendez-vous musical“ war geboren.

Im Herbst 1989 hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welche Form unser Festival annehmen könnte. Es fehlte nur ein Ort. Es war mir wichtig, uns von den Städten Québec und Montréal sowie von den Hauptstandorten der sommerlichen Musikveranstaltungen wie Orford, der Domaine Forget und Orten wie Lanaudière fernzuhalten. Die Wahl meiner Heimatregion erschien mir ebenso natürlich wie logisch. In Chicoutimi und Umgebung gab es kein Klassik-Festival, obwohl dort ein Liebhaberpublikum während des Schuljahres traditionell regelmäßig Konzerte und Veranstaltungen der klassischen Musik besucht.

Fünf Konzerte über einen Zeitraum von zehn Tagen, mit Auftritten freitags und sonntags sowie einmal am Mittwoch. Das Quartett bildete das Gerüst, zu dem sich versierte Musiker aus verschiedenen Teilen der Welt gesellten, hauptsächlich aus Nordamerika und Europa. Dies schloss naturgemäß auch Musiker aus Québec und natürlich aus der Region Saguenay-Lac-Saint-Jean mit ein.

Es fehlte nur noch der Veranstaltungsort.
Im Gespräch mit Freunden aus der Region Saguenay kristallisierte sich ein Ort und ein Team heraus: der Reiterhof und sein Restaurant „Le Tournevent“. Um Jeannot Tremblay, seinen Bruder Alyre und Louise O’Doherty herum war ein Ort voller Charme und Poesie entstanden. Es sind kunstsinnige, aufgeschlossene und mutige Menschen. Sie waren bereit, sich auf das Abenteuer einzulassen, auch wenn ich eine gewisse Skepsis und Sorge angesichts der prekären finanziellen Lage ihres Unternehmens spürte. Wir spielten kurzerhand direkt in der Reithalle, die von Alyre wunderbar in einen Konzertsaal umgewandelt wurde – Pferdegeruch inklusive.

Schon ab der zweiten Ausgabe zogen wir endgültig in die jahrhundertealte Kirche des Dorfes um, arbeiteten aber weiterhin mit Louises Restaurant und der in das Reitzentrum integrierten Herberge zusammen.

In den 13 Ausgaben von 1990 bis 2002 gab es somit 64 Konzerte, die über 350 Musiker, Sänger, Schauspieler, Erzähler und sogar einige Pferde zusammenbrachten! Solche Zahlen sind oft etwas erschlagend. Doch jenseits der Statistiken ist es bemerkenswert, dass ausnahmslos jedes dieser Konzerte aufgenommen und im Radioprogramm von Radio-Canada ausgestrahlt wurde. Diese Aufnahmen fanden sich später auch im Programm europäischer frankophoner Sender(Frankreich, Belgien, Luxemburg, Schweiz) sowie in Österreich und Schweden wieder. Die besondere Programmgestaltung und die Qualität der versammelten Musiker waren weitgehend dafür verantwortlich, aber auch – und das muss ich betonen – der damalige Produzent bei Radio-Canada CBJ, Jean-Marc Gagnon, der einen großen Teil zu dieser Leistung beitrug. Seine Überzeugung und sein tiefes Engagement machten ihn zu einem unermüdlichen Verfechter unseres Festivals.

Beispiele für die Originalität? Marc-André Hamelin brachte uns das Klavierquartett von Thuille mit – einem Komponisten, zu dessen Wiederentdeckung er maßgeblich beigetragen hat. George Enescu und sein enorm anspruchsvolles Klavierquintett gehörten ebenfalls zu den Entdeckungen. In Laterrière wurde zudem das Streichsextett von Korngold zum ersten Mal nach dem Tod des Komponisten in Nordamerika wiederaufgeführt. Inzwischen ist es zu einem Standardwerk der Kammermusikliteratur geworden.

Ein großer Höhepunkt des „Rendez-Vous“ war eine wundervolle Interpretation von Schuberts „Gesang der Geister über den Wassern“. Um Bernard Labadie versammelten sich inspirierte Sänger und Instrumentalisten… was für ein unglaubliches Glück!


Unter den weiteren denkwürdigen Ereignissen war ein Konzert mit dem Titel „Round Midnight“, das über vier Stunden dauerte, inklusive Inszenierung und Erzähler. Rund um das Thema der Nacht folgten unter anderem Beethoven (Mondscheinsonate) und Schönberg (Verklärte Nacht) aufeinander, um schließlich in Thelonious Monks „Round Midnight“ zu gipfeln. Die Inszenierung und die Textauswahl stammten von Serge Denoncourt, die Texte wurden von Monique Miller rezitiert.

Abschließend muss hier der Beitrag der Gemeinde Laterrière und ihrer Behörden hervorgehoben werden. Sie haben das „Rendez-vous musical“ jahrelang mit ganzer Kraft getragen. Der Reiterhof, der uns im ersten Jahr aufgenommen hatte, erlitt erhebliche finanzielle Rückschläge und konnte sein Engagement nicht so fortsetzen, wie wir es uns gewünscht hätten. Doch die Gemeinde, ihre Bürgermeister, Stellvertreter, Feuerwehrleute, Gemeindeangestellten… kurz gesagt, die ganze Stadt übernahm die Fackel. Zu diesen Hauptakteuren kommen natürlich die zahlreichen Mitglieder des Verwaltungsrates hinzu, die das „Rendez-vous“ im Laufe der Zeit hatte. Und dessen aufeinanderfolgende Präsidenten, die ALLE eine essenzielle Rolle für das Fortbestehen dieses im Grunde etwas verrückten Projekts spielten. Diese außergewöhnliche Zusammenarbeit hielt bis zur Gemeindefusion im Jahr 2001 an – mit den fatalen Folgen, die diese politische Entscheidung ab 2003 für die Kultur hatte. Die Rolle des damaligen neuen Bürgermeisters, Jean Tremblay, war ein absoluter Dämpfer, er wirkte als Totengräber der lebendigen Künste in der Region. Seine eigene kulturelle Ignoranz, mit der er sogar prahlte, war der Maßstab für seine verheerende Tatenlosigkeit.

Bei meiner letzten Vorstandssitzung erlebte ich einen völlig surrealen Moment. Es war an einem typischen stürmischen Märztag. Ich wollte das Programm für den Sommer 2003 vorstellen. Der damalige amtierende Vorstandspräsident, ehemaliger Bürgermeister der Stadt und neuer Sprecher der Tremblay-Verwaltung, warf mir ungefähr Folgendes an den Kopf: „Wir finden, dass es nicht lokal genug ist. Das ist Geld, das aus unseren Taschen fließt, das muss auch in unsere Taschen zurückfließen!“ Ich machte ihn daraufhin darauf aufmerksam, dass bei allen Ausgaben des „Rendez-vous“ regionale Künstler vertreten waren. Darüber hinaus dienten wir der Region als Schaufenster, da die Ausstrahlungen der Konzerte weit über die kanadischen Grenzen hinausgingen. Und ein Schaufenster, fügte ich hinzu, funktioniert in beide Richtungen: Man sieht uns, aber wir werfen auch einen Blick auf die anderen, den Rest der Welt, was in der Kunst (aber nicht nur dort) absolut essenziell ist. Daraufhin antwortete er mir: „Wir wollen kein Schaufenster; wir ziehen einen Spiegel vor!“

Das war für mich wie ein heimtückischer Dolchstoß. Und zugleich eine erhellende Erklärung für die Gründe der Rückständigkeit der regionalen Behörden. Das war zu viel für mich. Und letztendlich sind 13 Ausgaben ja auch nicht schlecht…

Seitdem hat das „Rendez-vous musical“ eine Renaissance erlebt. Zunächst durch die Vermittlung von Pauline Morrier und ihrer Tochter Renée-Paule Gauthier, und danach unter der Leitung des Cellisten des regionalen Streichquartetts, David Ellis. Der Name gehört seit jeher der gemeinnützigen Körperschaft, die die Gründung des Festivals leitete und die noch immer besteht. Es kann nie zu viel Kammermusik geben, und auch nicht zu viele Musiker, die sie miteinander teilen. Obwohl etwas Feingefühl gegenüber denjenigen, die die Veranstaltung ins Leben gerufen haben, wünschenswert gewesen wäre, ist es meiner Ansicht nach wichtiger, dass die Musik weiterhin geteilt wird – in Laterrière wie anderswo. Lang lebe das Rendez-vous!!