Benda

Seit Jahren, besser gesagt, seitdem ich das Georg Anton Benda zugeschriebene Concerto in F-Dur spiele, habe ich mich bemüht, mir die zwei anderen Concertos dieses Komponisten zu beschaffen. Trotz ausführlicher Recherche bei den Verlagen und vielfaches Ausfragen meiner Kollegen sind sie unauffindbar geblieben. Und dennoch wird im Buch Literatur für Viola, (dritte Auflage 1985) (1) von Franz Zeyringer auf diese Werke verwiesen. Es wird angegeben, dass drei Concertos für Bratsche mit großem Orchester existieren (18. Jahrhundert): Einer in F-Dur, herausgegeben von Schott 1968, noch ein weiterer in F-Dur und schließlich einer in Es-Dur. Alle drei sind in den Verweisen als Manuskripte aufgeführt, die sich in der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin befinden (10).

So bin ich nach Berlin gefahren mit der Hoffnung, mein Repertoire an klassischen Concertos zu erweitern. Doch zu meinem Bedauern habe ich keines der Concertos unter dem Namen Georg Benda dort vorgefunden. Die Verweise von Zeyringer, die sich auf die zwei Concertos in F-Dur und Es-Dur bezogen hatten, waren allen Anschein nach fehlerhaft gewesen. Jedoch findet man dort ein von einem Kopisten angefertigtes Manuskript des Concertos in F-Dur, unter dem Namen Georg Bendas.

Sucht man hingegen nach dem Namen Friedrich Wilhelm Heinrich, seinem Neffen, existieren in der Tat zwei Concertos in Es-Dur und das schon publizierte in F-Dur. Handelt es sich hierbei um die zwei verschollenen Concertos Georg Bendas? Alles deutet darauf hin. Im The New Grove Dictionary of Music and Musicians (2) wird eindeutig angegeben, dass Georg und Friedrich jeweils Urheber von drei Concertos sind: Meiner Meinung nach handelt es sich um dieselben. Das Gleiche gilt für das MGG (Die Musik in Geschichte und Gegenwart) (3).

Ich muss gestehen dass es nicht gerade leicht ist, sich in der Familiengeschichte der Bendas zurecht zu finden: zwei Georgs, drei Friedrichs, zwei Heinrichs… Kurz gesagt blieb diese Familie aus Böhmen, 1742 hergereist auf den Wunsch von Friedrich dem Großen, König von Preußen (1712-1786), ein Jahrhundert lang dem Hofe dienlich.

Die Bedeutung, die die Familie Benda in der Geschichte der klassischen Musik in Deutschland einnahm, ist beachtlich. Der Patriarch Jan Jiri Benda (1686-1757) hatte vier Söhne, die ebenfalls zu Musikern am preußischen Hofe wurden; Franz (1709-1786), Johann Georg (1713-1752), Georg Anton (1722-1795) und Joseph (1724-1804). Zu den Söhnen kamen Töchter hinzu, die Sängerinnen waren und sowohl bei öffentlichen Konzerten als auch bei Konzerten an den Höfen Weimars, Dresdens, Leipzigs und Potsdams auftraten.

Die Bendas, allen voran Franz und Georg, sind Teil der Berliner Schule neben den Komponisten Johann Joachim Quantz (1697-1773) und Carl Philipp Emanuel Back (1714-1788). Georgs Arbeit zur dramatischen Form der Oper hat Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) stark beeinflusst. Die Musik Bendas war zu dieser Epoche so beliebt wie die von Joseph Haydn (1732-1809) oder Mozart.

Der Benda, von dem hier die Rede ist, ist Friedrich Wilhelm Heinrich, Sohn von Franz und Neffe Georgs, 1745 geboren und 1814 verstorben. Er schrieb Opern, Kantaten und Oratorien, doch er ist vor allem für seine instrumentalen Kompositionen bekannt sowie für seine Concertos, die er für diverse Instrumente schrieb. Sein Talent als begnadeter Bratschist und Violinist machten ihn auch zum beliebten Interpreten. Die virtuosen Passagen der drei Concertos, die er für Bratsche komponierte, sind Beweis beweisen, dass er die zeittypische Technik dieses Instruments perfekt beherrschte.

Friedrich Wilhelm Heinrich Benda wurde am 15.7.1745 in Potsdam geboren, getauft in der Berliner St. Petrikirche am 20.7. Der König selbst und zwei Prinzen, die Königin und die Königinmutter (– alle freilich bei der Taufe vertreten durch verschiedene Excellenzen und Hofsdamen –) sind Paten bei diesem ersten Sohn des königlichen Konzertmeisters.

Friedrich Wilhelm hatte bei seinem Vater Violinunterricht, bei Kirnberger lernte er Theorie. Mit 20 Jahren trat er als Geiger in die königliche Kapelle ein; 1782 wurde er Anführer der zweiten Geigen. 1805 betrug sein Gehalt 450 Taler und 1 Haufen Holz. Er war gleich bedeutend als Organist und Klavierspieler, sowie als Komponist und Theorielehrer. Reichardt schreibt über ihn, daß er „…als Violoniste nicht geringen Beyfall…“ verdiene. „Dieser weicht aber schon mehr von der Spielart seines Vaters ab und nähert sich der neumodischen [virtuosen].

Aus «Franz Benda und seine Nachkommen» (16)

Einer Theorie zufolge soll Friedrich sich die zwei von seinem Onkel Georg komponierten Concertos zu eigen gemacht haben.

Dieser Deutung von Ulrich Drüner (13). muss ich entgegenhalten. Vergleicht man die zwei Concertos in Es-Dur mit dem publizierten in F-Dur, sind viele der Sechzentelnoten-Motive im Solistenteil auf verblüffende Weise ähnlich. Auch die langsamen Sätze zeigen in den harmonischen Progressionen eine ungewöhnliche Ähnlichkeit auf. Die stilistische Ausführung lässt mich zu dem Schluss kommen, dass diese drei Concertos Friedrichs Feder entstammen und nicht Georgs.

Schließlich darf man nicht vergessen, dass Friedrich und sein Onkel Georg immerhin nahezu fünfundzwanzig Jahre trennen, wovon eine gewisse Modernität in Friedrichs Schreibweise im Vergleich zu Georgs zeugt. Überdies hat Georg, auch wenn er Bratschist und Geiger war, den größten Teil seines Lebens den lyrischen Künsten (Opern, Kantaten und Oratorien) gewidmet.

Philip Schmidt (12) zeigt in seinem ausführlich dokumentierten Vorwort des Concertos von Carl Hermann Heinrichs (1748-1836), Bruder des besagten Friedrichs (wie gesagt, mit den Namen ist es nicht gerade leicht) auf, dass die Besetzung der Concertos mit zwei Hörnern, Flöte oder Oboe, und sogar einem Fagott obligato im dritten Concerto nirgends in den anderen von Georg Benda geschriebenen Concertos auftauchen.

Die Reihenfolge der drei Concertos beruht auf Unterschieden im Stil, der Besetzung und zu guter Letzt auf der Datierung des Papiers (11) für das dritte Concerto, welches vermeintlich aus Friedrichs Hand selbst entstammt und nicht der eines Kopisten, wie man beim Vergleich seiner Briefe mit dem Manuskript des Concertos feststellen kann (15). Auf dem Papier, was zwischen 1790 und 1803 hergestellt wurde, ist in filigraner Schrift ein gekrönter Adler mit Zepter und Schwert abgebildet, was auf eine Papiermühle namens Wolfswinkel in Eberswalde bei Berlin schließen lässt. Es bestätigt dass der 3. Konzert nach 1790 geschrieben wurde.

All diese Funde sind Ergebnis einer von Leidenschaft getragenen Recherchearbeit, geführt von einem Musiker, der keinesfalls vorgeben möchte, Musikologe zu sein. Tatsächlich hat mir diese Arbeit ein besseres Verständnis und eine neue Wertschätzung der Geduld und vor allem der vielen Kompetenzen, die mit dem noblen Beruf des Musikologen einhergehen, verschafft. Es steht außer Frage, dass ich ohne die Hilfe zahlreicher Experten, die ich glücklicherweise treffen durfte, mich nicht zurecht gefunden hätte. Sollten sich dennoch Fehler in meinen Ausführungen zu den Concertos eingeschlichen haben, so übernehme ich die volle Verantwortung dafür.

Man liest kaum eine Kritik eines Rezitals oder Konzerts mit Bratsche, die nicht mit der abgegriffenen Formel beginnt: „Trotz des begrenzten Repertoires für Bratsche…“

Auch wenn sich die Kritik nicht damit abfinden möchte: Das Repertoire für Bratsche begrenzt sich nicht auf das zwanzigste Jahrhundert und selbstverständlich findet sich in allen Epochen eine große Anzahl an in Vergessenheit geratener Werke.

So hat man zum Beispiel über hundert Concertos für Bratsche aus der klassischen Epoche, die in verschiedenen europäischen Bibliotheken verborgen lagen, wiederentdecken können. Natürlich sind diese nicht alle ebenbürtig, doch die Stücke von Friedrich Benda sind zweifellos großartige Ergänzungen zum Repertoire meines Instruments. Sie stehen Stamitz, Hoffmeister und anderen in nichts nach. Ich hoffe, die Zuhörer werden beim Entdecken dieser Stücke genauso viel Freude verspüren, wie ich sie beim Spielen hatte.

An dieser Stelle möchte ich mich bei folgenden Personen bedanken, ohne deren Unterstützung die Veröffentlichung und die Aufnahme der Concertos nicht möglich gewesen wären:

  • Sonia Simard, Pianistin, die zusätzlich zur Realisierung des Klavierauszuges bei allen Etappen der Recherche und der Veröffentlichung beteiligt war

  • Der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin für ihre Freundlichkeit und Kompetenz, mit Ausnahme des Direktors, der offenbar kein Verständnis für das Interesse von Musikern an Originalpartituren aufbringen konnte, ebenjenen, die besagte Partituren zum Leben erwecken.

  • Den Musikern des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg sowie dem Dirigenten Bernard Labadie und dem Tonmeister Tobias Hoff, die mir beide dank ihrer hervorragenden Kenntnis des klassischen Stils und Repertoires Bedingungen für die Entdeckung und Aufnahme der Concertos geschaffen haben, von denen ein Interpret nur träumen kann.

  • Dem Musikologen Philip Schmidt aus Leipzig, der mich mit viel Geduld an seinem Wissen teilhaben ließ, um mir die Fallen und Hürden der Bibliotheksrecherche, welche einem Amateur im Weg liegen, zu ersparen.

  • CPO und seinem Direktor, Herrn Schmilgun, dem die öffentliche Zugänglichkeit zu Unrecht vergessener Werke am Herzen liegt.

  • Dem SWR (Südwestrundfunk), seinem Management und seinem Chefdirigenten (Reinhard Oechsler und Francois-Xavier Roth), die dieses Projekt genehmigt und unterstützt haben.

  • Und zu guter Letzt danke ich dem Verlag Edition Offenburg und Mihoko Kimura, die mittels ihrer hervorragenden Korrekturarbeit, ihrer Gewissenhaftigkeit und ihres Wagemuts uns Bratschisten ein wunderbares Geschenk macht. (Die Concertos sind beim Verlag Edition Offenburg in zwei Versionen, eine mit Klavier und die andere mit Orchester, erhältlich.)

Quellenverzeichnis:

  1. Franz Zeyringer, Literatur für Viola, Hartberg 1985, page 285.

  2. The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Stanley Sadie (ed.), London 1980, page 465.

  3. Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Ausgabe, Personenteil, Bd. 2, Kassel 1999, colonne 1055–1073.

  4. The Breitkopf Thematic Catalogue. The Six Parts and Sixteen Supplements 1762–1787, édité par Barry S. Brook en 1966.

  5. Katalog Johann Christoph Westphal u. Comp., Hamburg 1782, page 209.

  6. Franz Lorenz, Die Musikerfamilie Benda, Bd. 3: Themenkatalog der Kompositionen der Familienmitglieder mit durchnumeriertem Benda-Register (Be-Re), Selbstverlag, Berlin 1972.

  7. Literaturverzeichnis für Bratsche u. Viola d’amore, hrsg. Wilhelm Altmann u. Wadim Borissowsky, Verlag für Musikalische Kultur u. Wissenschaft, Wolfenbüttel 1937.

  8. Vera Grützner, Potsdamer Musikgeschichte, Arani-Verl., Berlin 1992, S. 76.

  9. RISM online (Répertoire International des Sources Musicales)

  10. Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, manuscrits concertos F, LorB 314, Es, LorB 315, Es, LorB 316.

  11. Karin Friese, Papierfabriken im Finowtal. Die Geschichte der Papiermühlen und Papierfabriken vom 16. bis zum 20. Jahrhundert mit einem Katalog ihrer Wasserzeichnen, hrsg. von der Stadt Eberswalde, 2000.

  12. Phillip Schmidt, Préface, Carl Hermann Heinrich Benda. Konzert für Viola, Streicher und Basso continuo F-Dur, Ortus Musikverlag, Beeskow 2016.

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  1. Ulrich Drüner, «Das Viola-Konzert vor 1840», Fontes Artis Musicae 28, Kassel u.a. 1981, page 153.

  2. Walter Lebermann, «Zur Autorschaft dreier Violakonzerte von Frederico Benda», Die Musikforschung, Jg. 32, Kassel u.a. 1979, page 289.

  3. Lettres de Friedrich Wilhelm Heinrich Benda que l’on peut consulter chez http://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de/de/search.html

  4. La vie de Friedrich Wilhelm Heinrich Benda (Franz Lorenz, Die Musikerfamilie Benda, Bd. 1: «Franz Benda und seine Nachkommen», Berlin 1967, reprint: ed. De Gruyter 2015)